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Keine Wissenschaft ohne Religion?

In der Ausgabe 02/2011 des waldorfpädagogisch-anthroposophischen Monatsmagazins „Erziehungskunst“ lässt sich Lorenzo Ravagli über „Rudolf Steiner als Esoteriker“ aus. Ravagli, Redakteur ebendort und philosophisch-ideologischer Dampfplauderer der Szene, macht keinen Hehl aus seiner rigiden Auffassung von einer Wissenschaft, die nicht funktionieren kann ohne religiöses Bezugssystem. Demnach bleibt ihm nur, unter anderem festzustellen:
Die Kluft zwischen Wissenschaft und religiösem Bedürfnis kann nur überbrückt werden, wenn die Wissenschaft selbst das religiöse Element in sich aufnimmt: den Bezug auf das Transzendente, das nur solange transzendent bleibt, als es nicht erkannt wird.
Ravagli sieht sich genötigt, eine „Kluft“ zu konstruieren, treibt die Menschen von heute doch das Verlangen nach der Gleichstellung von Religion und Wissenschaft um, wenn man seinen Worten Glauben schenken will. Ravagli mag sich nicht vorstellen (müssen), daß das eine mit dem anderen vielleicht gar nichts zu tun hat. Daß es sogar eine wertvolle Errungenschaft der menschlichen Ratio darstellt, religiöse Ansichten ihren angemessenen Platz im demokratischen Meinungsspektrum zugewiesen zu haben.  Mit diesem Standort wurde auch eine sinnvolle Ausgangsposition für einen  notwendigerweise emanzipierten Umgang mit Begriffen geschaffen, die nicht einfach so miteinander verschränkt werden können, bloß weil es einem pedantisch-romantischen Eiferer wie Ravagli ins „ganzheitliche“ Weltbild passt.  Die missionarische Grundhaltung, dieses trotzig-pathetische „Packen wir`s endlich an!“, dieser gänzlich irrational-verblendete Motivationsschub – all das macht folgendes Zitat fast schon schmerzhaft deutlich:

Alle Begriffe werden revolutioniert, die Wissenschaft wird tatsächlich zur Mythologie, der Mythos zur Wissenschaft, die Religion durchdringt das alltägliche Handeln und die Kunst vermittelt religiöse Erfahrungen. Grenzüberschreitungen, wohin man sieht, Zertrümmerung der festen Kategorie des Verstandes, lebendig werdende Wissenschaft, lebendig werdende Kunst, lebendig werdende Religion: das ist Esoterik.

Angesichts dieser ekstatischen Geisterbahnfahrt durch eine  bizarre anthroposophische Wunschwelt  darf man fast darauf setzen, daß die Psychotherapie auch künftig kein Nischendasein führen wird.  Wer es als erstrebenswert ansieht, der „Zertrümmerung der festen Kategorie des Verstandes“ mit esoterischer Fahne voranzugehen,  beweist ausreichend Potential für nicht enden wollende Sitzungen. Wer kein grundsätzliches Problem darin sieht, das „die Religion das alltägliche Handeln durchdringt„, macht sich darüber hinaus zum Wortführer eines strukturellen Monstrums, wie es uns in letzter Konsequenz schon mal bei den Taliban in Afghanistan begegnet ist. Im Iran existiert noch ähnliches, ebenso im Norden des Sudans. Hier wie dort ist es die sogenannte Scharia, das den ganz normalen Alltag durchdringende islamische (religiöse) Gesetzeswerk. Auch Nordkorea scheint prädestiniert, stellt sich der dort herrschende Führerkult doch als staatsreligiöses Zweckunterfangen dar. 

Ravaglis verkappte esoterische Daseinsform verleitet ihn offenbar zu fundamentalistischen Ansichten, die sich an demokratischen Standards wohl kaum messen lassen können. Durch die esoterische Blume steigen ihm Bilder in den Kopf, die in ihrer radikalen Aussagekraft die reale Welt aus den Angeln zu heben versuchen.  Einem rational orientierten Menschen dürften solche Worte diffuse Ängste einjagen, einem demokratisch gesinnten ebenso. Als wichtigen publizistischen Repräsentanten der „Waldorfpädagogik heute“ wäre es interessant zu erfahren, ob seine subtile Kampfansage an die moderne Gesellschaft unterschwellig bereits einfließt in Didaktik und Lehrplangestaltung der heutigen Waldorfpädagogik.  

Die äußerst „lebendig“ formulierten esoterischen Einlassungen von Lorenzo Ravagli lassen erneut eines sehr deutlich werden: Die Anthroposophie mag nach außen hin unverbindlich und immer auf der Höhe der Zeit erscheinen, ihre zumeist verborgen bleibenden Intentionen haben längst Fahrt in eine ganz andere Richtung genommen. Und die führen vor allem weg, sehr weit weg von jedem rationalen Funken; dafür aber mitten hinein in ein unkontrollierbares Feuer, dessen Flammen längst im Begriff sind (wie der andauernde Esoterik-Boom beweist),  auch auf wissenschaftlich dominiertes Hoheitsgebiet überzugreifen.

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6 Gedanken zu “Aktuelle Kommentare

  1. „Ravagli … philosophisch-ideologischer Dampfplauderer der Szene“

    Lorenzo Ravagli hat NICHTS zu sagen, sagt es dafür aber umso lauter …:

    „… wenn die Wissenschaft selbst das religiöse Element in sich aufnimmt …“

    dann ist die Wissenschaft per Definition keine Wissenschaft mehr, aber ein selbsternannter Erleuchteter wie Lorenzo Ravagli hat ja kein Problem mit anthroposophischer Sprachgestaltung:

    „»Triebleben« wird in diesem Zusammenhang zu etwas ganz anderem als im gewöhnlichen Sprachgebrauch. Trieb ist die den Körper des Menschen durchdringende spirituelle Natur- und Lebenskraft, die der Mensch aus dem Kosmos aufnimmt. Von Sexualität ist nirgends die Rede …“

    Dieses anthroposophische „Zwiedenken“ ist ein Zitat aus der „Stellungnahme der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung“ (= Rudolf Steiner Verlag) zum Verfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) gegen 2 Bücher Rudolf Steiners.

    Geschrieben hat die „Stellungnahme der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung“ Lorenzo Ravagli. Verantwortet wird sie von: Jonathan Stauffer, Verlagsleiter; Dr. Walter Kugler, Archivleiter

  2. Lorenzo Ravagli, “Zanders Erzählungen”

    Dampfplauderei Hilfsausdruck:

    ……………………………………………………..

    „Kampf bis zur Erleuchtung

    Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander.

    Frühjahr 2009. Als Antwort auf Helmut Zanders preisgekröntes Standardwerk “Anthroposophie in Deutschland” erscheint Lorenzo Ravaglis Schmähschrift “Zanders Erzählungen”.

    Im Vorwort sagt Dr. Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach, Ravagli habe das Ziel gehabt, “zu retten, was noch zu retten ist” und dabei Mut bewiesen. Zum Beispiel so:

    – Ravagli beschuldigt Zander, dieser verfolge mit seiner publizistischen Tätigkeit zur Anthroposophie eine “verdeckte Agenda” [S. 24].

    – Ravagli stellt Zander als “Enthüllungsjournalisten marxistischer Orientierung” dar, der “trotz seiner katholischen Vergangenheit einem marxistisch inspirierten, historischen Materialismus verpflichtet ist” [S. 35].

    – Ravagli stellt klar, dass nicht etwa die Anthroposophie eine Sekte ist, sondern: „Zander als Eingeweihter einer trivialaufklärerischen Entmythologisierungtradition strebt wie alle Angehörigen von Wissenschaftssekten (sic!) danach, die Normativität seiner partikularen Rationalität zu universalisieren und alle Angehörigen abweichender Traditionen oder Diskursgemeinschaften als Ketzer zu stigmatisieren.“ [S. 372]

    Möchte jemand versuchen, das zusammenzufassen? Wie wäre es damit:

    Helmut Zander – ein katholisch-marxistischer, materialistischer Verschörer der Sekte Wissenschaft gegen die Anthroposophie?

    (…)“

    zu weiteren Diffamierungen Helmut Zanders: http://www.ruhrbarone.de/kampf-bis-zur-erleuchtung/

  3. Sie schreiben völlig zu Recht: „Angesichts dieser ekstatischen Geisterbahnfahrt durch eine bizarre anthroposophische Wunschwelt darf man fast darauf setzen, daß die Psychotherapie auch künftig kein Nischendasein führen wird.“

    Die Waldorfschule ist ein melting pot für Gestörte jeder Art – ein kurzer Blick in die offiziellen Publikationen des Bundes der Freien Waldorfschulen genügt, um Ihre Aussage zu bestätigen:

    http://www.erziehungskunst.de/artikel/ohne-elementarwesen-laeuft-nichts/

    “Ohne Elementarwesen läuft nichts!” von Thomas Mayer, Erziehungskunst

    1. Danke für den Link. Der betreffende Artikel ist ja vor dem Hintergrund der aktuellen Ausgabe der Erziehungskunst bezeichnenderweise nur einer von mehreren, die Elementar- und andere „selbstverständliche“ Naturgeister heranziehen, um der spirituellen Durchdringung der anthroposophischen Weltanschauung eine quasi-romantische Note zu verleihen. Das mittlere (Bildungs-)Bürgertum reckt sich teilweise gewaltig nach derlei metaphysisch aufgehübschten Alltagsdekor, und die Waldorfpädagogik hat das ja schon immer im Programm. Wie Sie bereits feststellten, „ein kurzer Blick genügt“ – und doch hätte ich es aktuell nicht für möglich gehalten, daß sich die nach außen sichtbare Waldorfpädagogik in einer Art und Weise selbst vorführt, summa summarum bloßstellt, die gewisse Rückschlüsse nunmehr zwingend zulassen. „Wir geben Verrückten ein Zuhause“ – sowas in der Art ist nach wie vor eine nicht ganz von der Hand zu weisende Feststellung…

  4. Kommentar zu Publikative, “Ein Umkreisen Gottes“, http://www.publikative.org/2012/01/13/ein-„umkreisen-gottes/

    @ steinerimbrett

    Sie schreiben: “Wer wie Ravagli bei jeder publizistischen Gelegenheit wortklingelnde Selbstgerechtigkeit als anthroposophisches Dauerüberlegenheitsgefühl inszeniert, sollte ein bißchen eine angemessene Kritik durchaus aushalten können…”

    Völlig richtig! Hier noch ergänzt die herausragende Bedeutung von Lorenzo Ravagli für den “Bund der Freien Waldorfschulen” und die Anthroposophie:

    Spätestens mit dem Erscheinen seiner demagogischen Verteidigungsschrift “Anthroposophie und der Rassismusvorwurf – Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit” ist Lorenzo Ravagli DER Mann des Bundes der Freien Waldorfschulen für die Abwehr von Kritik an der Anthroposophie und den Waldorfschulen.

    Zu “Anthroposophie und der Rassismusvorwurf – Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit” sagt Jana Husmann (damals noch Jana Husmann-Kastein) im Stern, siehe:

    “Auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand”, http://www.stern.de/politik/deutschland/waldorf-paedagogik-auf-tuchfuehlung-mit-dem-rechten-rand-602719.html

    Zitat Stern: “Als Basis für ihre Vorwürfe führt sie ein Buch an, das Lorenzo Ravagli in den Jahren 2001 und 2002 zusammen mit einem Ko-Autor herausgegeben hat. »Der Rassismus Steiners wird dabei von Bader und Ravagli nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet«, schreibt Husmann-Kastein. Kritiker Steiners würden von den beiden Buchautoren massiv diffamiert. »Insgesamt wird von Bader und Ravagli alles legitimiert, was Steiner zu ‘Menschenrassen’ gesagt und geschrieben hat. Das liegt nicht an der mangelnden Textkenntnis, denn die einschlägigen Rassismen Steiners werden zitiert.«”

    Siehe ergänzend dazu auch: “Waldiwissenschaft: Lorenzo Ravagli an der Privatuniversität Witten/Herdecke”, http://www.ruhrbarone.de/waldiwissenschaft-lorenzo-ravagli-an-der-privatuniversitat-wittenherdecke/
    .

    Im Jahre 2007 wurde die Zusammenarbeit von Lorenzo Ravagli mit Andreas Molau, damals Spitzenfunktionär der NPD, publik. Enthüllt wurde sie vom Stern, siehe den link oben, und später nochmals von “Publikative” (damals noch “NPD-BLOG.INFO”):

    “NPD und Waldorfschule: Über eine Zusammenarbeit, die nicht publik werden durfte II”,http://www.publikative.org/2009/04/28/npd-und-waldorfschule-uber-eine-zusammenarbeit-die-nicht-publik-werden-durfte/

    Was in jeder demokratischen Organisation ein Grund zur fristlosen Kündigung Lorenzo Ravaglis gewesen wäre, blieb beim Bund der Freien Waldorfschulen folgenlos: Lorenzo Ravagli arbeitet weiterhin als Redakteur der “Erziehungskunst”, Publikation des Bundes der Freien Waldorfschulen.
    .

    Heute ist es Lorenzo Ravaglis Aufgabe, den Ruf des Historikers Helmut Zander, Autor des Standardwerkes “Anthroposophie in Deutschland”, zu schädigen. Neben offiziellen Veröffentlichungen unter seinem Realnamen benutzt Lorenzo Ravagli dabei auch das Mittel anonymer Angriffe unter Pseudonym, siehe:

    “Georg Wahrmunds Vorzeit-Früchte”, http://waldorfblog.wordpress.com/2011/04/13/wahrmund/
    .

    Ravaglis Vorgehen ist so radikal, dass mit Bezug auf Lorenzo Ravagli selbst Anthroposophen “Sekte” als Bezeichnung für die Religion Anthroposophie gebrauchen, der Anthroposoph Ralf Sonnenberg schreibt:

    “Die Anthroposophen erscheinen wieder einmal als kleinkarierte, nicht kritikfähige Sekte …”

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