Demokrasophie

 

Das (grundsätzliche) Verhältnis der Anthroposophie/Waldorfpädagogik zur Demokratie und freiheitlich-demokratischen Gepflogenheiten soll auf dieser Seite herausgestellt werden. Anhand einschlägiger theoretischer Überlegungen, handfester Zitate und praktischer Ergebnisse möchte ich das realistische Bild einer Beziehung zeichnen, die gekennzeichnet ist von entschlossener, mitunter euphorischer Bejahung demokratischer Prinzipien und Werte auf der einen und das Gegenteil nahelegende Formulierungen und Erkenntnisse auf der anderen Seite. Demokratie – so mein Eindruck aufgrund eigener Erfahrungen und dokumentierter Aussagen – scheint für folgsame Anthroposophen mehr ein notwendiges Übel denn eine tiefe Überzeugung. Auf der Impressum-Seite bin ich ja bereits zu einer ähnlichen Schlußfolgerung gelangt.

Für den Anfang möchte ich ein Zitat eines (repräsentativen: Lehrer und Dozent) Waldorf-Protagonisten anführen, daß mich zwar zunächst einigermaßen erschreckt, kurz darauf aber auch wieder nur wenig überrascht hat. Belegt es doch den eigentlichen ideologischen Stellenwert demokratischer Vorstellungen ziemlich weit unten auf der politischen Verständnis-Skala, und führt doch gleichzeitig ungeniert vor, daß man letzten Endes anthroposophische Wahnvorstellungen den machbaren Idealen einer aufgeklärten Vernunft vorzieht.

Überall gilt nur der demokratische Weg, der als der zeitgemäßeste erscheint, der aber bei weitem nicht der geistgemäßeste ist.
Dieter Centmayer, Waldorflehrer- und dozent, 28.10.10, joveniden.blogspot

Nicht der „geistgemäßeste„? Wie muss man sich denn jenen Weg vorstellen, der gerade mal nur demokratisch ist, immerhin als „der zeitgemäßeste“ durchgeht, aber eben „bei weitem nicht der geistgemäßeste“ ist? Wer gibt ihn vor? „Geistige“ Führergestalten, die Machtansprüche durchzusetzen versuchen, die verbrieft sind in ewigen Gesetzen und aus kosmisch festgelegten Erbfolgen hervorgehen? Rudolf Steiner als „Menschheitsführer“, dem prinzipiell nicht widersprochen werden darf, weil er allein „geistgemäß“ die Richtung vorzugeben sich anmaßen darf?
Überhaupt: Ist es nicht furchtbar, stinkt es nicht gewaltig zum „geschauten“ Himmel, daß sich bereits „überall“ die Demokratie durchgesetzt hat, mit einigem Vorsprung sogar in der westlichen Hemisphäre? Und der Rest der Welt? Muß oder soll der gar versinken entweder in diktatorischen Zuständen oder – weil nur einen moralischen Fingerbreit auseinander  – in „geistgemäßen“ Herrschaftssystemen mit ursprünglich jenseitiger Urheberschaft?

Eine kritische Sitiuation ist erreicht, wenn von Rudolf Steiner in prätentiösen Wahnsinn und gemeingefährliche Anmaßung getriebene Menschen (demokratische) Freiheiten auf`s Spiel zu setzen bereit sind, weil es ihnen ein bestimmtes Dogma nahelegt .  Und dieses anthroposophische Dogma ist lebendig, unglaublich lebendig sogar, obwohl es nach Ansicht angeblich undogmatischer Geistesweltler glaubhaft zurückgedrängt wurde.  Doch der Schein trügt; seine Bedeutung wurde und wird nur in dem Maße heruntergespielt, wie es den verschiedensten anthroposophischen Bestrebungen nützt. Denn kein ernsthaft Infizierter mag wirklich die Finger lassen von einer vermeintlich selbsterlösenden Mission, die doch so viel (höhere) Einsicht, (tiefere) Weisheit und nutzbare Überlegenheit in vielen relevanten Lebensbereichen verspricht.

Das oben angeführte Zitat macht auch eines deutlich: Die (intensive) Beschäftigung mit Anthroposophie führt auf gefährliche Abwege. Sie führt dahin, wo Demokratie als Möglichkeit und Systemfrage plötzlich nicht mehr vereinbar scheint mit „höheren“ Wahrheiten. Sie führt dorthin, wo das Recht auf Meinungsfreiheit  ein allzu irdisches ist, daß nicht unbedingt denen zur Ehre gereicht, die letzte erklärende Worte im Mund führen. Sie eignet sich ganz wunderbar, geistesaristokratische Tendenzen ins eigene psychologische Portfolio ungehemmt zu übertragen. Und sie ist eine wie gerufen kommende Gelegenheit,  veranlagte autoritäre Muster scheinbar wohlbegründet auszureizen und mit doktrinären Inhalten zu füllen bzw. füllen zu lassen.

Freiheit ist ein abstrakter Mega-Begriff.  Als solcher verirrt er sich auf anthroposophischen Bahnen zuallererst nach innen. Dort also, wo auch und ganz besonders Steiner den größten Bedarf für Freiheitsbewegungen sieht. „Geist“ und „Seele“ als nicht zur Ruhe kommende Zirkusarena widerstrebender Gedanken und Gefühle. Nur definiert sich dieser Bedarf bei ihm als beinahe ausschließlich okkult-esoterisches Anliegen göttlich-geistweltlicher Interessengemenge, die zu entwirren es eines hartnäckigen anthroposophischen „Schulungsweges“ bedarf.   Und wenn es einem Steiner-Schüler dabei wie Schuppen von den Augen fällt, dass…

„… der demokratische Weg bei weitem nicht der geistgemäßeste ist.„?  Wird er diese geistgewonnene „Erkenntnis“ seinen Schülern auf dem Waldorf-Schulungsweg vermitteln?  Und wenn ja, in welchem Fach? In Deutsch, der vielen Nebensätze wegen, mit denen schon Steiner letzte Klarheiten beseitigt hat?

Nur der demokratische Weg…„.  An dieser Stelle bringe ich mein größtes Bedauern zum Ausdruck, daß sich aktuell die Menschen in Ägypten auf keinen besseren verständigen konnten. Dazulernen können sie aber auch im eigenen Land: Leitende Mitarbeiter des großen anthroposophischen Kultur- und Wirtschaftsprojektes SEKEM  erklären ihnen sicher gerne, welcher Weg am ehesten zu spirituell einleuchtenden Machtverhältnissen führt.

Als Ergänzung zum Thema hier auch das Kapitel

Das Leben des Geistes und seine demokratischen Früchte 

aus dem Buchprojekt als PDF zum Download.

Darin steht ein bemerkenswertes Zitat von Daniel Schily:

Ich glaube nicht, daß man die große Masse der Anthroposophen zu überzeugten Demokraten machen kann.“

Das angeführte Beispiel des Herrn Centmayer scheint seiner Vermutung Recht zu geben…

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